Barrierefreie Website – was das wirklich bedeutet

barrierefreie Website

Es gibt einen Satz, den ich in fast jedem Briefing höre, wenn es um digitale Barrierefreiheit geht: »Das machen wir später.«

Ich verstehe warum. Digitale Barrierefreiheit klingt nach Pflichtprogramm. Nach Behörde. Nach einem langen Katalog mit Anforderungen, den man erfüllen muss, damit der Fördergeber zufrieden ist. Und dann schaut man auf den Projektplan und denkt: Ach, das machen wir später.

Das Problem: Wenn Barrierefreiheit als letzter Schritt kommt, bedeutet das meist Mehrarbeit. 

Beim meinem Projekt mit dem Forum & Projekt Lausitz e.V. war das von Anfang an anders – und genau das hat den Unterschied gemacht.

Was Barrierefreiheit mit Haltung zu tun hat

Der Verein arbeitet in Bad Muskau an der Schnittstelle von Inklusion und Kulturtourismus. Menschen mit gesundheitlichen und/oder körperlichen Einschränkungen, ältere Bürgerinnen und Bürger, deutsch-polnische Zusammenarbeit. Das Leuchtturmprojekt: eine Datenbasis für barrierefreien Tourismus in der Region – nicht von Behörden geprüft, sondern von Menschen mit gesundheitlichen und/oder körperlichen Einschränkungen als Experten in eigener Sache.

Dieser Ansatz – nicht für, sondern mit – hat das gesamte Projekt geprägt. Digitale Barrierefreiheit war kein Zusatz. Sie war der Ausgangspunkt.

Und das merkt man. Nicht nur in den WCAG-Werten am Ende (WAVE AIM 9.7 und 9.6, jeweils null Fehler), sondern in jeder einzelnen Entscheidung davor.

Drei Entscheidungen, die den Unterschied machen

1. Die Schrift ist keine Formalie

Für den Fließtext der Website kommt Inclusive Sans zum Einsatz. Eine Open-Source-Schrift, die speziell für Menschen mit Leseschwäche und Seheinschränkungen entwickelt wurde – mit klar unterscheidbaren Buchstabenformen, großzügigem Zeichenabstand, hoher Lesbarkeit auch in kleineren Größen.

Das klingt nach einem Detail. Ist es aber nicht. Wer eine Schrift wählt, weil sie gut aussieht und dabei nicht prüft, ob sie gut lesbar ist, hat eine Entscheidung gegen einen Teil seiner Nutzer getroffen. Meistens ohne es zu merken.

2. Farbe kann schön sein und trotzdem funktionieren

Das Farbsystem des Vereins arbeitet mit einem kräftigen Türkis und einem warmen Orange. Beide Farben sind zwar ausdrucksstark, aber bestehen den WCAG-AA-Kontrasttest für Fließtext nicht, wenn man sie direkt auf hellem Hintergrund einsetzt.

Die Lösung: dunklere Varianten für Text, die Originalfarben für große Flächen, Icons und Hero-Bereiche. Das klingt nach einem Kompromiss. Ist es aber nicht – weil das Farbsystem von Anfang an so gebaut wurde, nicht nachträglich zurechtgebogen.

3. Ein Assistenztool ist kein Freifahrtschein

Eye-Able Assist ist ein Tool, das Nutzenden erlaubt, Schriftgröße, Kontrast und Leselineal anzupassen und ist auf beiden Domains eingebunden. Aber nicht einfach als Script-Tag im Header. Das wäre datenschutzrechtlich nicht zulässig, weil das Tool beim Laden Daten an externe Server überträgt.

Stattdessen lädt Eye-Able ausschließlich über einen Borlabs-Cookie-Opt-in-Block – also erst dann, wenn die Person aktiv zugestimmt hat. Das ist zwar somit technisch aufwändiger, ist aber der einzige Weg, der zur Haltung des Projekts passt.

Was das für Sie bedeutet

Digitale Barrierefreiheit ist nicht teuer, wenn sie von Anfang an mitgedacht wird. Sie wird teuer, wenn man sie nachträglich einbaut, weil man dann oft nicht nur einzelne Elemente anpasst, sondern das gesamte System anfasst.

Und sie ist kein Nischenthema. Die Zahl der Menschen, die von barrierefreien Websites profitieren, ist größer als die meisten denken: Menschen mit Seheinschränkungen, Menschen mit Lernschwäche oder ADHS, ältere Nutzer, Menschen, die gerade schlechte Lichtverhältnisse haben oder ein Handy mit kleinem Display benutzen. Kurz: Eine barrierefreie Website ist eine bessere Website. Für alle.

Das gilt für Vereine und Organisationen, die Teilhabe nach außen vertreten. Und es gilt genauso für Unternehmen, die ihre Angebote wirklich für alle zugänglich machen wollen – nicht nur weil der European Accessibility Act seit Juni 2025 für viele Unternehmen verbindlich gilt, sondern weil es schlicht sinnvoll ist.

Was Sie als nächstes tun können

Wenn Sie nicht sicher sind, wo Ihre aktuelle Website steht, gibt es einen einfachen ersten Schritt: den kostenlosen WAVE-Browser-Check von WebAIM. Er zeigt Ihnen in wenigen Sekunden, wo die offensichtlichsten Barrieren sitzen.

Wenn Sie ein neues Projekt planen und Barrierefreiheit von Anfang an richtig angehen wollen – als Teil des Designs, nicht als Pflichtprogramm danach – melden Sie sich gerne.

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